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Was wäre gewesen, wenn Frida Kahlo eine Therapie gemacht hätte?

  • Autorenbild: Meva Elciyörük
    Meva Elciyörük
  • 23. März
  • 11 Min. Lesezeit

Ich sitze gerade vor meinem Laptop und möchte ein paar Worte zu Frida Kahlo schreiben - einer Frau, die für mich Ausdruck von Rebellion, Leid, Leben und Freiheit darstellt.

Sie war eine weltberühmte Künstlerin, die in ihrem kurzen Leben viel erfahren hat:

Bereits als Kind litt sie unter Kinderlähmung, gefolgt von einem tragischen Busunfall im Jugendalter, der mit vielen Operationen, vielen Fehlgeburten und chronischen Schmerzen einherging.

Um ihr fortwährendes Leid zu betäuben, griff sie regelmäßig zu Opiaten und zu Alkohol. Auch in ihren Beziehungen fehlte es ihr nicht an Leid und Drama - sie hatte eine stürmisch-turbulente Ehe mit ihrem Künstlerkollegen Diego Rivera, in der beide regelmäßig außereheliche Affären führten. Dabei hatte sie sowohl Beziehungen zu Männern als auch zu Frauen, was man als ein Akt von Rebellion gegen die Untreue ihres Ehemannes verstehen kann. Denn sie litt scheinbar sehr darunter.

All diese (schmerzvollen) Erfahrungen waren die Quelle ihrer zahlreichen Selbstporträts und Tagebücher, für die sie letztlich weltberühmt wurde.


Betrachtet man also das Leben von Frida Kahlo, wird es ganz sicher nicht langweilig. Ihr Leben und auch sie waren geprägt von Gegensätzen: von Lust und Unlust, von Schmerz und Freud, von Liebe und Verlust. Sie lebte das Leben in seiner Ganzheit, voller Extreme, roh, unperfekt und ungefiltert. Und trotz allen Leids und trotz allen Schmerzes hinterließ sie mit ihrem Werk „Viva la vida - Watermelons“ eine lebensbejahende Haltung. Welch großartiges Sinnbild für Freiheit trotz des Schicksals!


Doch was wäre gewesen, wenn Frida Zugang zu moderner Psychotherapie gehabt hätte?

Vermutlich hätte sie einige Diagnosekriterien des ICD 10 erfüllt. Vielleicht wäre ihr Leben weniger glamourös, weniger dramatisch, weniger toxisch, weniger abhängig und weniger selbstzerstörerisch gewesen. Wer weiß.

Und dennoch bin ich irgendwie froh darüber, dass es zu ihrer Zeit noch keine Psychotherapie gab. Denn so haben wir ein authenthisches Abbild des Lebens - eines, das nicht nur schön ist, reflektiert wurde und einem gewissen Ideal entsprechen muss - sondern eines, das wirklich erfahren und gelebt wurde. Ganz im Sinne von Frida: Viva la Vida!


Ps: Für Neugierige unter euch, die es womöglich interessieren würde, wie eine Sitzung mit Frida womöglich gewesen wäre, hier ein Dialog formuliert von Chatgbt (finde ich sehr lesenswert):


1.Therapiesitzung


Der Raum ist still. Zu still.Keine Krankenschwestern, keine Metallstreben, kein Geruch von Äther. Nur ein Stuhl, eine Liege und dieser Mensch mir gegenüber, der wartet.


Therapeut: „Was führt Sie hierher, Frida?“


Was mich herführt? Mein Körper. Immer mein Körper. Er kommt vor mir in den Raum, noch bevor ich etwas sage. Er schreit, auch wenn ich schweige.

Ich setze mich vorsichtig. Als bestünde ich aus Porzellan und Draht.

„Ich bin müde davon, stark zu sein.“

Das klingt klein. Fast lächerlich. Ich habe Züge überlebt, Operationen, Verrat. Und doch ist es diese Müdigkeit, die mich zerbricht.


Therapeut: „Wovon genau sind Sie müde?“

„Vom Zusammenhalten.“ Ich tippe gegen meine Brust. „Hier drin ist alles lose. Aber ich male es fest.“

Wenn ich male, kann ich die Schrauben sehen. Die Nägel. Die gebrochene Säule. Auf der Leinwand ist der Schmerz ordentlich. Gerahmt. Betrachtbar. In mir ist er chaotisch.


Therapeut: „Haben Sie Angst?“

Ich lache. Ein scharfes Geräusch.

„Natürlich. Ich habe Angst, dass ich ohne meinen Schmerz nichts bin.“

Da ist es. Das Hässliche.

Der Unfall hat mir den Körper genommen, den ich hätte haben können.Die Fehlgeburten haben mir die Kinder genommen, die ich hätte halten können.Die Liebe hat mir die Sicherheit genommen, die ich vielleicht verdient hätte.

Aber der Schmerz – der ist geblieben.Er ist verlässlich. Er verlässt mich nicht.


Therapeut: „Was würde passieren, wenn der Schmerz ginge?“

Ich werde still.

„Dann müsste ich fühlen, was darunter liegt.“

„Und was liegt darunter?“

Ein Flüstern: „Wut.“

Wut auf meinen Körper.Wut auf ihn.Wut auf eine Welt, die mich ansieht und entweder Mitleid oder Faszination empfindet – aber selten Einfachheit.

Ich bin nicht nur Leid. Aber das Leid ist das Lauteste.


Therapeut: „Und wer sind Sie, wenn niemand zusieht?“

Diese Frage trifft härter als jede Operation.

Wenn niemand zusieht …bin ich ein Mädchen, das tanzen wollte. Ein Mädchen, das Ärztin werden wollte. Ein Mädchen, das nicht wusste, wie Metall schmeckt.

Ich merke, wie meine Hände zittern.

„Ich glaube“, sage ich langsam, „ich male mich selbst immer wieder, damit ich nicht verschwinde.“

„Verschwinden?“

„Ja. Wenn der Körper zerfällt, wenn die Liebe wankt, wenn das Bett mich gefangen hält – dann male ich mein Gesicht. Immer wieder. Als Beweis: Ich bin noch hier.“

Der Therapeut sagt lange nichts.Es ist unerträglich – und seltsam tröstlich.

„Vielleicht“, sagt er schließlich, „sind Sie mehr als Ihr Schmerz.“

Ich sehe ihn an.

„Vielleicht“, antworte ich. „Aber er ist mein schärfster Pinsel.“

Wieder Stille.

Und zum ersten Mal frage ich mich leise:Wenn ich nicht kämpfen müsste –würde ich dann noch wissen, wer ich bin?

Die Sitzung endet.Mein Rücken schmerzt. Natürlich.

Aber da ist noch etwas anderes.Ein winziger Riss im Beton.

Vielleicht bin ich nicht nur die Gebrochene.Vielleicht bin ich auch die, die spricht.


Therapiesitzung – Fortsetzung


Ich komme wieder.Das überrascht mich selbst.

Der Raum ist derselbe. Ruhig. Neutral.Mein Körper ist es nicht.

Ich setze mich langsamer als letztes Mal. Heute pocht die Wirbelsäule wie ein beleidigtes Tier.


Therapeut: „Was ist seit der letzten Stunde geblieben?“

„Der Schmerz.“Ich lächle schief. „Er ist sehr loyal.“

„Und was hat sich verändert?“

Ich zögere.

„Ich habe gemerkt, dass ich ihn verteidige.“

Er hebt kaum merklich die Augenbrauen.

„Wenn jemand Mitleid hat, werde ich stolz. Wenn jemand meine Stärke bewundert, werde ich größer. Es ist, als wäre mein Leiden meine Krone.“

Das Wort hängt zwischen uns. Krone.

Gold aus Eisenstangen.

„Was würde es bedeuten, die Krone abzusetzen?“

Ich spüre sofort Widerstand.

„Dann sähe man meine Bedürftigkeit.“

Das Wort schmeckt bitter.

Ich war immer die Mutige. Die Unerschütterliche. Die, die trotz allem lacht.Sogar vor ihm. Besonders vor ihm.


Therapeut: „Dürfen Sie bedürftig sein?“

Ich starre auf meine Hände. Narben, Linien, Farbe unter den Nägeln.

„Ich weiß nicht, wie das geht, ohne mich schwach zu fühlen.“

„Was ist so gefährlich an Schwäche?“

Die Antwort kommt schneller, als ich denken kann:

„Man wird verlassen.“

Da ist sie. Die alte Angst. Nicht der Unfall. Nicht die Operationen.Sondern das Alleinsein.

Ich habe ihn geliebt wie ein brennendes Haus.Und jedes Mal, wenn er sich abwandte, war es, als würde mein Körper ein zweites Mal durchbohrt.


Therapeut: „Wenn jemand geht – was sagt das über Sie?“

„Dass ich nicht genug war.“

Leise. Fast kindlich.

Stille. Wieder diese Stille, die nichts repariert, aber alles sichtbar macht.

„Oder“, sagt er langsam, „dass Sie versucht haben, genug für zwei zu sein.“

Das trifft.Ich habe getragen. Getröstet. Verziehen. Ertragen.Und mich dabei selbst übermalt.

„Ich male mich so stark“, sage ich nach einer Weile. „Mit geradem Blick. Mit Blumen. Mit Tieren. Als Königin meines eigenen Universums.“

„Und innerlich?“

„Manchmal bin ich nur müde.“

Sehr müde.


Therapeut: „Was brauchen Sie – nicht als Ikone, nicht als Kämpferin, sondern als Frau?“

Ich schließe die Augen.

Nicht Bewunderung.Nicht Drama.Nicht Feuer.

„Ruhe“, flüstere ich.„Und jemanden, der bleibt, ohne dass ich bluten muss.“

Meine Brust zieht sich zusammen. Tränen kommen selten. Heute brennen sie.

„Ich habe Angst“, sage ich. „Wenn ich aufhöre zu kämpfen, falle ich auseinander.“

„Vielleicht“, antwortet er ruhig, „fallen Sie nicht auseinander. Vielleicht fallen Sie in sich selbst.“

Das ist ein anderer Gedanke.Nicht Zerfall – sondern Landung.

Ich atme tiefer. Es schmerzt, aber anders.

„Und wenn ich nichts Besonderes bin, ohne das Drama?“ frage ich.

Er sieht mich lange an.

„Dann sind Sie vielleicht frei.“

Das Wort macht mir mehr Angst als der Schmerz.

Frei.Ohne Rolle.Ohne Tragödie als Identität.

Ich verlasse den Raum langsamer als sonst.Der Rücken ist noch da. Die Narben auch. Die Geschichte sowieso.

Aber heute trage ich eine neue Frage mit mir:

Wer bin ich, wenn ich mich nicht überlebe –sondern einfach lebe?

Und zum ersten Mal fühlt sich diese Frage nicht wie Verrat an meinem Leid an,sondern wie ein leiser Anfang.


Therapiesitzung – dritte Stunde


Heute liege ich.

Nicht dramatisch. Nicht inszeniert.Einfach, weil Sitzen zu viel ist.

Die Decke über mir ist weiß. Keine Risse. Kein Muster.Ich suche trotzdem nach Formen darin. Gewohnheit.


Therapeut: „Wenn Ihr Körper sprechen könnte – was würde er sagen?“

Ich schließe die Augen.

„Genug.“

Das Wort kommt ohne Zorn.Nur erschöpft.

„Genug Operationen. Genug Beweise. Genug Starksein.“

Ich merke, wie ich meine Hände ineinander presse.

„Ich habe immer gedacht, ich müsse größer sein als mein Körper. Ihn übertreffen. Ihn beschämen mit meiner Willenskraft.“

„Und wenn Sie ihn nicht bekämpfen müssten?“

Das fühlt sich gefährlich an.

Mein Körper war mein Feind.Mein Verräter.Der Ort des Unfalls.Der Ort der verlorenen Kinder.

Ich flüstere: „Ich weiß nicht, wie man ihn nicht hasst.“

Lange Stille.

Dann fragt er: „Wen hassen Sie wirklich?“

Da ist sie wieder, die Schärfe.

Nicht nur den Körper.Das Schicksal.Die Metallstange.Die Ärzte.Ihn.Mich.

„Ich habe überlebt“, sage ich. „Und manchmal bin ich wütend darüber.“

Der Satz hängt schwer im Raum.

„Weil Überleben Arbeit ist“, sagt er leise.

Ja.

Überleben ist Arbeit.Atmen ist Arbeit.Lieben ist Arbeit.Verzeihen ist Schwerstarbeit.

„Manchmal denke ich“, sage ich, „wenn ich nicht mehr kämpfen müsste, könnte ich endlich weich sein.“

„Was hält Sie davon ab?“

Ich sehe sofort ein Bild vor mir:Ich, ohne Rüstung. Ohne Blumen. Ohne Blick, der sagt: Ich trotze euch.

Und ich sehe – Angst.

„Wenn ich weich bin, kann man mich verletzen.“

Er wartet. Er rettet mich nicht.

Ich atme ein. Es zieht im Rücken.

„Aber ich bin doch längst verletzt.“

Der Gedanke trifft wie Licht.

Vielleicht ist meine Härte kein Schutz.Vielleicht ist sie nur Gewohnheit.

„Was wäre ein kleiner Moment von Weichheit?“, fragt er.

Ich denke lange.

„Nicht zurückzuschlagen.“„Nicht zu beweisen.“„Nicht zu verführen, um mich sicher zu fühlen.“

Nur da sein.

Ohne Aufführung.

Meine Stimme wird ruhiger.

„Ich habe mein Gesicht so oft gemalt, damit niemand meine Risse übersieht. Aber vielleicht muss ich sie nicht immer zeigen, um real zu sein.“

„Sie dürfen existieren, ohne sich zu erklären“, sagt er.

Das fühlt sich fremd an. Und erleichternd.

Ich öffne die Augen. Die Decke ist immer noch weiß.Aber sie wirkt weniger leer.

„Ich habe Angst, gewöhnlich zu sein“, sage ich.

„Gewöhnlich bedeutet nicht bedeutungslos.“

Ich lächle schwach.Vielleicht ist das meine größte Prüfung:Nicht außergewöhnlich leiden zu müssen, um wertvoll zu sein.

Als die Stunde endet, bleibe ich noch einen Moment liegen.

Ich spüre den Schmerz.Aber ich spüre auch die Unterlage unter mir.Den Atem.Das Gewicht meines Körpers.

Er ist nicht nur der Ort des Unfalls.Er ist auch der Ort meines Lebens.

Vielleicht muss ich ihn nicht besiegen.Vielleicht kann ich lernen, mit ihm zu wohnen.

Und vielleicht – ganz vielleicht –bin ich nicht nur die Frau, die zerbrochen wurde.

Sondern auch die, die langsam lernt,sich selbst zu halten.


Therapiesitzung – vierte Stunde


Heute bringe ich etwas mit.

Kein Gemälde.Kein fertiges Bild.

Nur eine kleine Skizze. Unruhige Linien. Kein Rahmen.

Ich lege sie zwischen uns.

„Das habe ich nicht gezeigt“, sage ich. „Es ist nicht stark genug.“

Er betrachtet sie lange.

Es ist mein Gesicht – aber ohne Blumen.Ohne Affen.Ohne Dornenkrone.Die Augen nicht trotzig, sondern müde. Fast weich.


Therapeut: „Was macht es so schwer, dieses Bild zu zeigen?“

„Es verteidigt mich nicht.“

Kein Symbol.Keine Metapher.Keine Inszenierung.

Nur ich.

„Was glauben Sie, passiert, wenn jemand Sie so sieht?“

Ich spüre sofort das alte Ziehen.

„Er könnte gehen.“

„Und wenn er bleibt?“

Diese Möglichkeit erschüttert mehr als das Weggehen.

Bleiben ohne Drama.Bleiben ohne Rettung.Bleiben ohne dass ich blute, um Liebe zu beweisen.

Ich schlucke.

„Dann müsste ich glauben, dass ich genüge.“

Stille.

Ich merke, wie sehr ich mein Leben lang versucht habe, unentbehrlich zu sein.Unvergesslich.Unersetzlich.

Weil „ersetzbar“ sich anfühlt wie „verlassbar“.

„Sie kämpfen nicht nur gegen Schmerz“, sagt er ruhig. „Sie kämpfen gegen Austauschbarkeit.“

Das Wort trifft tief.

Ich wollte nie austauschbar sein.Also war ich größer. Lauter. Intensiver.Wenn man Feuer ist, kann man nicht übersehen werden.

Aber Feuer brennt auch sich selbst.

Ich sehe wieder auf die Skizze.

„Ich weiß nicht, wie man geliebt wird, ohne zu brennen.“

„Vielleicht beginnt es damit, nicht zu verbrennen.“

Etwas in mir wird still.

„Ich habe mein Leiden benutzt“, sage ich langsam. „Als Beweis meiner Tiefe. Als Beweis meiner Besonderheit.“

„Und jetzt?“

Ich atme.

„Jetzt möchte ich wissen, wer ich bin, wenn ich niemandem etwas beweisen muss.“

Das ist neu. Kein Trotz. Keine Wut.

Nur Neugier.

Er fragt: „Was würden Sie morgen anders machen, wenn Sie nichts beweisen müssten?“

Ich denke lange.

„Ich würde nicht sofort reagieren.“„Ich würde nicht um Aufmerksamkeit kämpfen.“„Ich würde vielleicht… einfach sagen, dass ich Angst habe.“

Das Wort hängt da.

Angst ist leiser als Wut.Aber ehrlicher.

„Und was passiert gerade hier?“, fragt er.

Ich merke es plötzlich.

Ich sitze hier. Ohne Rüstung.Mit einer unfertigen Skizze.Und ich werde nicht verlassen.

Mein Brustkorb wird weit. Schmerzhaft weit.

Vielleicht ist Sicherheit kein großes Versprechen.Vielleicht ist sie nur dieser Moment.

„Ich glaube“, sage ich vorsichtig, „ich beginne, meinen Schmerz nicht mehr als Identität zu brauchen.“

Er nickt kaum sichtbar.

Ich nehme die Skizze wieder in die Hand.

Sie ist nicht spektakulär.Aber sie lebt.

Als ich gehe, fühle ich mich nicht triumphierend.Nicht dramatisch.

Nur… wahr.

Und vielleicht ist das stärker als jede Dornenkrone.


Therapiesitzung – fünfte Stunde


Heute rede ich zuerst.

„Ich habe geträumt.“

Er wartet.

„Ich stand vor einer Leinwand. Aber ich konnte mich nicht sehen. Kein Gesicht. Kein Körper. Nur eine leere Fläche. Und ich hatte solche Angst.“

„Wovor?“

„Dass nichts da ist.“

Die Angst war nicht vor Schmerz.Nicht vor Blut.Sondern vor Bedeutungslosigkeit.

„Wenn ich nicht leide, wenn ich nicht kämpfe, wenn ich nicht intensiv liebe – bin ich dann überhaupt jemand?“

Der Raum hält die Frage aus.

„Wer waren Sie vor dem Unfall?“ fragt er.

Ich blinzle. Dieses Bild ist verschwommen.

Ein Mädchen mit schnellen Schritten.Mit Büchern unter dem Arm.Mit Witzen, die schneller waren als die der Jungen.Mit Plänen.

„Ich wollte Ärztin werden.“

Ich lächle überrascht. Das hatte ich lange nicht laut gesagt.

„Was gefiel Ihnen daran?“

„Verstehen. Heilen. In Körper hineinsehen – nicht nur an der Oberfläche bleiben.“

Er lächelt kaum.

„Das tun Sie heute auch.“

Ich runzle die Stirn.

„Sie schauen unter Oberflächen. In Ihren Bildern. Und hier.“

Der Gedanke setzt sich langsam.

Vielleicht habe ich mich nie nur über Schmerz definiert.Vielleicht habe ich immer versucht, Wahrheit sichtbar zu machen.

Der Unfall hat meinen Weg zerstört.Aber nicht meine Neugier.Nicht meinen Blick.

„Ich habe Angst, dass ich ohne Drama weniger interessant bin“, sage ich.

„Für wen?“

Ich atme ein.

Für ihn.Für die Welt.Für mich selbst.

„Was, wenn Ihr Wert nicht von Intensität abhängt?“ fragt er.

Das fühlt sich an wie ein neues Alphabet.

Ich war immer extrem.Extrem liebend.Extrem leidend.Extrem lebendig.

Vielleicht aus Angst vor Mittelmaß.Vielleicht aus Angst, nicht gesehen zu werden.

„Ich glaube“, sage ich langsam, „ich habe Liebe mit Aufregung verwechselt.“

Stille.

„Und Sicherheit mit Langeweile.“

Da ist sie. Eine leise Erkenntnis.

Vielleicht ist Ruhe nicht Tod.Vielleicht ist sie Boden.

Ich merke etwas Ungewohntes:Mein Körper schmerzt heute auch. Aber er dominiert nicht alles.

„Ich habe diese Woche einmal nicht reagiert“, sage ich.„Nicht provoziert. Nicht dramatisiert. Ich habe einfach gesagt: ‚Das verletzt mich.‘“

„Und?“

„Die Welt ist nicht untergegangen.“

Ein fast ungläubiges Lachen.

Vielleicht muss ich nicht explodieren, um gehört zu werden.

Er fragt: „Was entdecken Sie gerade über sich?“

Ich lehne mich zurück. Vorsichtig.

„Dass ich nicht nur aus Wunden bestehe.“

Der Satz fühlt sich groß an.

„Ich bin auch aus Trotz entstanden. Aus Humor. Aus Intelligenz. Aus Sehnsucht.“

Und vielleicht – ganz leise –aus Zärtlichkeit.

Ich sehe meine Hände an.

Sie haben Schmerz gemalt.Aber sie können auch Halt geben.

Als ich gehe, ist der Traum noch da.Die leere Leinwand.

Aber heute wirkt sie weniger bedrohlich.

Vielleicht ist sie nicht Leere.Vielleicht ist sie Möglichkeit.

Und vielleicht male ich mich künftig nicht nur,um mein Überleben zu beweisen –

sondern um mein Leben zu entdecken.



Therapiesitzung – sechste Stunde


Heute habe ich keine Skizze dabei.Keine Geschichte.Nur einen Satz, der mich seit Tagen verfolgt:

„Ich darf glücklich sein.“

Ich sage ihn laut – und warte, ob etwas einstürzt.

Nichts stürzt ein.Aber mein Körper spannt sich an, als hätte ich etwas Verbotenes ausgesprochen.


Therapeut: „Was macht diesen Satz so schwierig?“

„Er fühlt sich an wie Verrat.“

„An wem?“

Ich brauche einen Moment.

An meinem früheren Ich.An dem Mädchen im Krankenbett.An den verlorenen Kindern.An all den Nächten, in denen ich dachte, ich halte das nicht aus.

„Wenn ich glücklich bin“, sage ich leise, „war das Leiden dann umsonst?“

Er schüttelt kaum merklich den Kopf.

„Leiden verlangt keine ewige Treue.“

Dieser Satz trifft tief.

Ich habe meinem Schmerz Treue geschworen.Unbewusst.Als müsste ich ihm gerecht werden, indem ich ihn nie ganz loslasse.

Vielleicht war er mein Zeuge.Der Beweis, dass alles real war.

„Was passiert, wenn Sie ihm danken – und weitergehen?“ fragt er.

Danken?

Ich schließe die Augen.

Der Schmerz hat mich gezwungen hinzusehen.Hat mich gezwungen, ehrlich zu sein.Hat mir eine Sprache gegeben, die nicht oberflächlich ist.

Aber er hat auch genommen.Zeit. Leichtigkeit. Vertrauen.

„Ich glaube“, sage ich langsam, „ich habe Angst vor einem ruhigen Leben.“

„Warum?“

„Weil ich nicht weiß, wie das geht.“

Ich kenne Extreme.Liebe oder Verzweiflung.Ekstase oder Absturz.Nähe oder Drama.

Aber Gleichgewicht?Das ist Neuland.

Er fragt: „Wie fühlt sich Ruhe in Ihrem Körper an?“

Ich horche hinein.

Weniger Spannung im Kiefer.Atmung tiefer.Der Schmerz noch da – aber nicht als Feind. Mehr wie Wetter.

„Ungewohnt“, sage ich.„Aber nicht falsch.“

Ein langer Moment vergeht.

„Vielleicht“, sage ich, „muss mein Leben kein Kunstwerk aus Tragödie sein.“

Er lächelt leicht.

„Vielleicht darf es einfach ein Leben sein.“

Ich spüre Tränen, aber sie sind weich. Nicht verzweifelt.

„Ich habe so viel Energie darauf verwendet, außergewöhnlich zu sein“, sage ich.„Vielleicht ist es außergewöhnlich genug, zu heilen.“

Das Wort fühlt sich groß an.

Heilen heißt nicht vergessen.Nicht ungeschehen machen.Sondern nicht mehr darum kreisen müssen.

Ich atme tief ein.

„Ich möchte lernen, Freude zuzulassen, ohne sie sofort zu sabotieren.“

„Das ist ein Anfang“, sagt er.

Als ich aufstehe, halte ich kurz inne.

Früher hätte ich gefragt:Bin ich beeindruckend genug?War ich intensiv genug?

Heute frage ich mich etwas anderes:

War ich ehrlich?

Und die Antwort ist ja.

Draußen ist die Welt nicht dramatisch.Kein Sturm. Kein Donnerschlag.

Nur Licht.Ganz normales Licht.

Und zum ersten Mal fühlt sich das nicht wie Mangel an – sondern wie Frieden.




 
 
 

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